Interview Kunst mit Maria Nalbantova und Viktoria Draganova

Maria Nalbantova und Viktoria Draganov im Interview: „Mit meiner Kunst möchte ich die Menschen auf fantasievolle Weise treffen.“

Für das erste Kunstprojekt im neuen for​you​and​your​cus​tom​ers Büro in Sofia verwandelt Maria Nalbantova einen der Räume in ein Atelier und bezieht auf diese Weise die dort arbeitenden Menschen in den künstlerischen Prozess ein. Das ist entscheidend, denn ihre Arbeiten sind fast immer das Ergebnis eines kontinuierlichen Recherchierens und Sammelns von Materialien, Informationen und persönlichen Erfahrungen, aus denen sich allmählich eine visuelle Sprache und Erzählung herausbildet. 

Für die Serie „Post-Tools“ / „Оръдия на труда“ verwendet Nalbantova zufällig – auf Märkten und Müllhalden – entdeckte, stark gebrauchte Werkzeuge, die sie in verschiedenen Formen und Interaktionen ausrichtet. Der bulgarische Titel der Serie, wörtlich übersetzbar als „Waffen der Arbeit“, verweist einmal mehr auf die Eigenverantwortung des Menschen; schließlich hängt die spezifische Nutzung und Bedeutung eines Objekts von uns ab. Im Interview sprachen wir mit der Künstlerin und der Kuratorin der Ausstellung Viktoria Draganova über ihre Zeit im Büro bei foryouandyourcustomers und den Entstehungsprozess ihrer Kunst für die erste Schau im Sofioter Office des Unternehmens.

Hannes Weikert: Maria, in einem älteren Interview sagtest du einmal: Von großem Interesse sei für dich die Arbeit mit und in einem bestimmten Raum, der Dialog zwischen den Kunstwerken und der Umgebung, in der sie sich befinden. Aus welchem Grund hast du nun alte, gebrauchte Werkzeuge und Materialien als Sujet für die erste Ausstellung bei foryouandyourcustomers Sofia verwendest?

Maria Nalbantova: In meiner künstlerischen Praxis experimentiere ich generell mit vielen unterschiedlichen Materialien, Medien und Techniken. Beispielsweise Zeichnungen, Collagen, gefundenen Objekte, Trockenpflanzen, mit Fotografie, Installationen und Videos. Als ich an das Büro von foryouandyourcustomers dachte, an das digitale Business, an Algorithmen, Artificial Intelligence, New Technolgy, fragte ich mich, welche Werkzeuge sind dort im Einsatz? Wie gehen die Menschen damit um, wie und über welche Werkzeuge sind sie miteinander verbunden? Wie sieht deren tägliche Arbeit aus und mit welchen Werkzeugen verrichten sie diese? Mit den Mitarbeitern dort sprach ich unter anderem über den ersten Computer, über den Einsatz von künstlicher Intelligenz – ist deren Anwendung gut oder ist es schlecht? Es ist ein absolut abstraktes Thema. Es ist ein Werkzeug und es liegt in unserer Verantwortung zu entscheiden, ob und wie wir es verwenden.

Ich entschied mich also dazu – und im scheinbaren Gegensatz zur Arbeit im digitalen Umfeld – mit alten Werkzeugen und Gegenständen zu arbeiten. Unter anderem verwendete ich Schrauben, Muttern, Schraubenzieher, Bohrer etc. Diese transformierte ich, indem ich Teile davon nahm und mit anderen Materialien und Dingen kombinierte und so neue, hybride Formen gestaltete, Skulpturen und Installationen entstehen ließ. Sie alle erhielten auf diese Weise eine andere Art von Form und Konfiguration, die nicht so sehr von ihrer Funktionalität diktiert wird, sondern mehr von ihrer Beziehung zu Möglichkeiten, wie wir uns das Zusammenarbeiten vorstellen können. Ich denke, all diese Instrumente können für unterschiedliche Zwecke verwendet werden und hier stellt sich nun die Frage, welcher Zweck könnte von mir beabsichtigt sein? 

Hannes Weikert: Welche Intention verfolgst Du mit Deiner Kunst?

Maria Nalbantova: Durch die Einbeziehung des jeweiligen Raumes in meine Arbeit und des daraus resultierenden Dialoges zwischen den Kunstwerken und der Umgebung sowie den dort anwesenden Menschen sollen Zusammenhänge entstehen, die ein mögliches Feld für Gespräche und Diskussionen eröffnen, die die Menschen dabei unterstützen, mehr übereinander zu erfahren.  

Hannes Weikert: Als Kuratorin warst du es, Viktoria, die uns Maria als Künstlerin für die erste Ausstellung vorschlug. Wie bist du auf sie gekommen und welche Kriterien hast du bei der Auswahl angesetzt?

Viktoria Draganova: Ich hatte im Vorfeld drei bulgarische Künstler vorgeschlagen, die wir hoffentlich in Zukunft alle noch im Büro von foryouandyourcustomers erleben werden. Grundsätzlich ist für mich eine Ausstellung zu schaffen, immer auch eine Frage des Raummachens und als Gründerin des gemeinnützigen und unabhängigen Kunstprojektraums „Swimming Pool“ in Sofia natürlich auch der Kunstpolitik. Künstler in Bulgarien zu fördern und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten zu geben, Künstler wie eben Maria, die den Raum auf eine andere Weise hinterfragen, das ist mein Ziel.

Meinem Verständnis nach ist eine Ausstellung auch immer mit einem Weg verbunden. Es dreht sich um die Menschen, die an der Entstehung beteiligt sind, aber auch um das Publikum, das die Kunst konsumiert und um den Respekt den Menschen gegenüber, die uns den Raum für die Kunst zur Verfügung stellen; um Menschen, die der Kunst begegnen und die sie nicht nur betrachten, sondern auch weiterdenken. Alles, was in einer Ausstellung zu sehen ist, ist Bestandteil eines fortlaufenden Prozesses. Es geht mir in meiner Arbeit also auch um Prozessgestaltung und Prozessdenken.

Die Entscheidung für Maria als Künstlerin für die erste Ausstellung in Sofia traf Jonathan gemeinsam mit Albena. Ich denke, sie beide schätzten Marias Art sehr offen zu arbeiten, die Idee, dass alle Kunstwerke, die in diesem Projekt produziert werden, während des Projektes entstehen, somit ein Spiegelbild des gesamten Prozesses darstellen. Und ihnen gefiel auch gut, dass sie eine Künstlerin ist, die neue Dinge schafft, sich sehr stark mit dem Gebäude, den einzelnen Räumen und nicht zuletzt den Menschen auseinandersetzt. Sie experimentiert mit neuen Materialien und neuen Assemblagen und einer neuen Art, mit Material zu arbeiten. Und ein Teil in diesem Prozess war, dass Maria im Office arbeiten konnte …

Hannes Weikert: … Denn bei der Ausstellung bei foryouandyourcustomers in Sofia gingen wir als Unternehmen, aber auch du als Künstlerin neue Wege, Maria.

Maria Nalbantova: Die Idee hierzu entstand in einem Gespräch mit Jonathan Möller und Albena Mancheva. Ich selbst besitze kein Atelier, arbeite stattdessen meist bei mir zuhause. Wir überlegten also, ob es für den Entstehungsprozess meiner experimentellen Arbeiten nicht interessant wäre, gemeinsam mit dem Team das neue Office in Sofia zu beziehen und dort für die Ausstellung zu produzieren. Letztlich war es – Corona bedingt – leider nur ein Monat, in dem ich mit den Menschen dort Zeit verbringen konnte, doch es war aus vielerlei Gründen eine unheimlich intensive und produktive Phase für mich und ich hoffe auch für die Mitarbeiter bei foryouandyourcustomers.

Hannes Weikert: Was gefiel dir an dieser Idee des unmittelbaren Kunstproduzierens für deine Ausstellung in unserem Büro?

Maria Nalbantova: Dass es grundsätzlich wunderbar zu meiner künstlerischen Intention passt. Kunst sollte – davon bin ich überzeugt – Teil des täglichen Lebens sein und dadurch, dass ich im Sofioter Büro arbeitete, waren die Menschen dort zwangsläufig vom ersten Tag an auch in meinen künstlerischen Prozess integriert – als Teil des Entstehungsprozesses. Der gesamte künstlerische Prozess bedeutet mir sehr viel …

Viktoria Draganova: … und nicht zu vergessen, die vielen Menschen aus unserer Künstler-Community, die in diesen Prozess involviert waren. Ich denke, das ist auch etwas Neues oder Spezielles an der Art und Weise, wie wir hier in Sofia Kunst betreiben und leben. Wir sind in unserer Community, eine Gemeinschaft von Künstlern, die zusammenarbeiten und sich gegenseitig Hilfe anbieten, die gemeinsam Freude am Experimentieren und Weiterentwickeln der künstlerischen Vielfalt und Möglichkeiten haben.

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Maria Nalbantova: Ja, das ist wichtig zu betonen: Jeder Mitarbeiter vor Ort, jedes Gespräch mit den Menschen im Büro war Teil des Kunstprozesses, ebenso wie auch die Einbindung befreundeter Künstler, die mich auf meiner Reise an verschiedene Orte für die Ausstellung unterstützten.

Hannes Weikert: Könntest du uns diese Reise etwas genauer beschreiben?

Maria Nalbantova: Schon Monate bevor ich in das Büro zog, fing ich an, über dieses Projekt nachzudenken und beschloss, diese Art von konstruktiven Materialien, Substanzen und Werkzeuge zu verwenden. Und ich hatte viel Zeit, alle Elemente zu sammeln. Und die meisten von ihnen fand ich auf dem Flohmarkt, in Antiquitätengeschäften, an den unterschiedlichsten Orten. Und ich fing an, über den Ort nachzudenken und über mögliche Kunstwerke, die dort entstehen könnten. Ich beschloss, einige von ihnen im Raum vorzubereiten und einen anderen Teil, der dort absolut unmöglich erstellt werden konnte, habe ich bei einem befreundeten Künstler angefertigt. Ein anderer Freund wiederum half mir später beim Installieren der Werke in den einzelnen Büroräumen, indem wir ein bestimmtes System zum Befestigen einsetzten. Oder Viktoria: Auch sie unterstützte mich sehr durch den gesamten Produktionsprozess hindurch und vertraute mir und meiner Arbeitsweise. Man kann sagen: In unserer Community ist Kunst Teamwork und sehr stark geprägt von Freiheit, Vertrauen und Fürsorge.

Viktoria Draganova: Wir alle verstehen Kunst als eine Art Mannschaftssport, bei dem viele Spieler involviert sind und sich den Ball immer wieder zupassen. Ohne das Miteinander würde das Spiel nicht funktionieren. Ich finde, es ist auch sehr inspiriert vor der Situation von Künstlern in Bulgarien. Es dreht sich bei uns mehr um Wertschätzung und Fürsorge und weniger darum, etwas zu tun, das jenseits unserer Möglichkeiten liegt.

Hannes Weikert: Maria, wann würdest Du Deine Arbeit als erfolgreich bezeichnen?

Maria Nalbantova: Wenn sie interessante Gespräche anstößt. Ich denke, es dreht sich nicht allein um ästhetische Aspekte, denn ein Kunstwerk hat so viele Ebenen und in ihm stecken so viele Ideen. Jeder Mensch hat eine andere Perspektive darauf und Gedanken dazu und wenn wir diese Gefühle und Eindrücke miteinander teilen, entsteht weit mehr als das, was vor unserem Auge erscheint. Dann kann ich sagen, die Kunst funktioniert. Damit ist es aber nicht abgeschlossen, denn es ist ein fortlaufender Prozess.

Hannes Weikert: Welche konkreten Arbeiten werden in der Ausstellung zu sehen und zu erleben sein?

Viktoria Draganova: Wenn man das Büro betritt, stößt man als erstes auf eine Reihe von sechs gebrauchten Handhobeln aus der Holzbearbeitung, die eine ganz andere Materialität haben als das elegante Erscheinungsbild des Gebäudes. Es ist ein starker Hinweis auf das, was in den anderen Räumen zu sehen sein wird; und es trägt bereits ein wenig Humor in sich, da man als Gast leicht dazu verleitet werden kann, daran einen Mantel aufzuhängen. In den Büroräumen trifft man dann auf Kunstwerke, die aus der Kombination von Arbeitsgeräten bestehen. Sie hängen hauptsächlich an den Wänden und sind in der Tat eine sehr interessante Erweiterung dessen, was Malerei sein könnte, denn hier bekommen Materialität und Form eine andere Qualität. Auch wenn sie oft auf Serialität und Wiederholung beruhen, driften sie nie in kalte Abstraktion ab. Man kann an ihnen immer noch die Geschichte ihres früheren „Lebens“ und ihrer Bedeutung ablesen oder Stimmungen erkennen. Es gibt auch eine Reihe von Sandpapierbildern, die die Farben der umliegenden Gebäude in das Büro tragen; auf eine sehr sanfte Weise setzen diese Bilder das Innere und das Äußere in Beziehung. In den Badezimmern ist eines meiner Lieblingswerke zu sehen, das aus Seife, Stein und Pinseln besteht – Materialien, die Maria in ihrer künstlerischen Praxis häufig verwendet. Und dann ist da noch diese luftige und zarte Installation von Blumenhybriden in dem kleinen, hellen Raum neben der Küche. Maria nennt ihn gerne „Garten“, was uns daran erinnern soll, wie sich die Vorstellungen von Natur verändert haben. Die ganze Ausstellung sagt: Weg mit den romantischen Vorstellungen von Natur, Natur ist das, was wir aus ihr machen. Zumindest verstehe ich das so; und ich liebe es, durch Marias Arbeit über „unsere Umwelt” zu sprechen.

Hannes: Viktoria, was war für Dich ausschlaggebend, als Kuratorin mit foryouandyourcustomers zusammenzuarbeiten?

Viktoria Draganova: Ich war sehr neugierig und daran interessiert mit einem Unternehmen, das der Kunst so viel Raum gibt und dem, was Kunst sein kann, zusammenzuarbeiten. Und unsere Art des Kunstmachens passt sehr gut zur Philosophie von foryouandyourcustomers, zur Bedeutung von Kunst am Arbeitsplatz, der Beziehungspflege, zum Prozessdenken und der Entwicklungsmöglichkeiten, die den Künstlern und den Menschen dort eingeräumt wird. Es gibt sehr viele Parallelen zwischen unserem Kunstverständnis und der Unternehmenskultur von foryouandyourcustomers und wir werden versuchen, dieses sehr spezifische Publikum bei foryouandyourcustomers auf sehr fantasievolle Weise zu treffen. In einer Weise, die Erfindungen auf beiden Seiten ermöglicht. Denn Erfindung ist für mich ein sehr wichtiger Bestandteil von Kunst. Ich denke auch, dass Maria erfinderisch sind. Es ist nicht obsessiv. Es ist Erfinden. Denn Erfindung ist etwas, das uns weitergehen lässt und uns dazu bringt, leben zu wollen. Es gibt uns Energie, um sich auch schwierigen Situationen im Leben zu stellen und diese zu bewältigen.

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