„Im besten Fall können Funken sprühen.“ Norbert Pümpel präsentiert seine Arbeitern bei foryouandyourcustomers Feldkirch

„Im besten Fall kön­nen Funken sprü­hen.“ Nor­bert Pümpel stellt aktuell in Feldkirch aus

„16 Fotos, 2 Objekte und eine Skizze“: Mit Nor­bert Püm­pel ge­lang es for​you​and​your​cus​tom​ers Feld­kirch für die 38. Ausstel­lung einen regionalen und gleichzeitig einen der renommiertesten österreichischen Künstler zu gewinnen. Die Ausstellung wurde Mitte November Corona bedingt leider ohne eine offizielle Vernissage eröffnet.

fory­ouandy­our­cus­tomers: Norbert Pümpel. Bei foryouandyourcustomers ist es gelebte Tradition, dass eine Ausstellung mit einer Vernissage eröffnet wird. Leider verhinderte die Corona-Pandemie diesen Event in Feldkirch. Wie traurig stimmte Sie die Absage?

Nor­bert Püm­pel: Ich war darüber nicht erfreut, aber in dieser besonderen Situation gab es keinen anderen Weg. foryouandyourcustomers bietet neben dem Eröffnungsevent ein tolles Konzept, das für zukünftige Auftritte von bildenden Künstlern exemplarisch werden könnte. Meine Ausstellung in Feldkirch ist ein ganzes Jahr lang zu sehen. Die Besucher haben die Möglichkeit, nach Voranmeldung ganz Corona konform die Ausstellung zu besuchen. Vielleicht bietet das die Möglichkeit für eine intensivere, entschleunigte Form der Auseinandersetzung. Insofern versuche ich ganz pragmatisch auch das Positive an dieser Situation zu sehen.

foryouandyourcustomers: Kunst gehört zu unserer Firmenkultur, ist an jedem Standort in Form unterschiedlicher Ausstellungen zu erleben. Besonders spannend dürfte diese Kombination von Kunst und Arbeitsraum für einen ausstellenden Künstler hier in Feldkirch sein, wo die Mitarbeitenden eine ausgewiesene Expertise im Designbereich besitzen. Kunst und Design – gibt es für Sie in diesen Bereichen Schnittpunkte? Ich habe allergrößten Respekt vor gutem Design. Aus meiner Sicht geht es in beiden Bereichen auf allerhöchstem Niveau um Ästhetik und um Adressaten, die erreicht werden möchten. Ein Unterschied besteht vielleicht in Nuancen der Lesbarkeit. Vielleicht kann ein Künstler etwas mehr riskieren, darf etwas kryptischer formulieren, orientiert sich weniger an der Nützlichkeit oder Verwendbarkeit seiner ästhetischen Gebilde als ein User Experience Designer. Im Grunde streben beide Disziplinen ein formal gelungenes Werk an – auf unterschiedlichen Wegen und mit unterschiedlichen Werkzeugen.

„Ich glaube, dass es sehr konstruktiv sein kann, wenn Firmen neben ihrer täglichen Produktivität der Irrationalität der Kunst Raum geben.“

Norbert Pümpel, Künstler

foryouandyourcustomers: Welche Bedeutung messen Sie generell der Kunst am Arbeitsplatz bei? Ich bin davon überzeugt, dass diese Nahtstellen verschiedener Disziplinen immer wieder befruchtend sein können. Wenn Disziplinen aufeinanderprallen, dann können sie gar nicht unterschiedlich genug sein, damit im besten Fall Funken sprühen. Ich glaube, dass es sehr konstruktiv sein kann, wenn Firmen neben ihrer täglichen Produktivität der Irrationalität der Kunst Raum geben. Die angesprochene Nahtstelle zum normalen Leben ist ein Aspekt, der uns Künstlern manchmal fehlt. Meine Atelierarbeit ist eine sehr individuelle und einsame Form des Arbeitens. Da sind derartige Nahtstellen wie hier bei foryouandyourcustomers zur Wirtschaftswelt etwas sehr Spannendes. 

Kunst wird nicht fürs Atelier oder die einsame Stube gefertigt, sondern für eine Auseinandersetzung, die in der Gesellschaft stattfindet. Und das geht dort am besten, wo auch ganz normales Leben funktioniert – in einem Büro, wo sich Mitarbeitende, Kunden und Besucher aufhalten. Da trifft die Kunst auf das Leben und auf die Ideen der Menschen, die sich täglich in diesem Umfeld bewegen und wenn es dort dann zu Gedankensprüngen, zu neuen Ideen kommt, dann ist das positiv in beide Richtungen.

Norbert Pümpels Hauptwerk bei dieser Ausstellung: sein Modell der Wirklichkeit.

foryouandyourcustomers: Andere Künstler haben in der Vergangenheit immer wieder betont, dass es eine große Herausforderung darstellt, Kunst in einem Büro auszustellen, respektive Werke explizit für die jeweiligen Büroräume zu erarbeiten. Sicherlich ist es grundsätzlich ein eher schwieriger Prozess. Ich hatte selbst auch einmal einen Auftrag angenommen, Kunst für ein Büro anzufertigen – und gab nach einem halben Jahr auf. Ich muss gestehen, dass ich sofort gehemmt bin, wenn ich weiß, ich muss für dieses oder jenes Unternehmen Werke anfertigen. 

Im Fall von foryouandyourcustomers war es anders. Als die Anfrage kam, war ich gerade dabei, aktuelle Fotos zu drucken, die ich wiederum auch gerne ausgestellt hätte und diese Prints passten perfekt in und zu den Büroräumen in Feldkirch. Letztlich war es für mich gemeinsam mit Kurator Georg Peithner-Lichtenfels dann nur noch ein Platzieren der vorhandenen Werke und es entstand eine sehr homogene Ausstellung.

foryouandyourcustomers: Der Titel der Ausstellung verrät es ja bereits. Zu sehen sind vornehmlich Fotografien. Genauer Fotografien Ihrer eigenen Objekte – Kunst von Ihrer Kunst. Wie kamen Sie auf diese Idee? 2012 begann ich damit Skulpturen zu schaffen, die ich immer selbst für Kataloge reproduziert habe. Beim Fotografieren der Arbeiten entdeckte ich, wie dramatisch ich diese durch eine ganz spezielle Lichtregie inszenieren kann. Ich begann daraufhin überhöhte Skulpturen-Fotografie zu machen und im Zuge dessen habe ich mich dann in das, was Fotografie kann, nämlich Oberflächen abzulichten, ein Stück weit verliebt. Beim eigentlichen Kunstwerk, dem Objekt, ging es mir immer um relativ komplexe inhaltliche Auseinandersetzungen. Die Fotografie ist für mich hingegen der Versuch, nicht hintergründige Kunstwerke zu schaffen, die neben dem formalen Erscheinungsbild noch deutliche inhaltliche oder gar konzeptionelle Aspekte transportieren. Fotografie kann nur abbilden, was die Linse an Licht sammelt. Das heißt, es ist ein Abtasten der Oberfläche, der Form mit Licht.

Dieses Fokussieren auf rein Formales hat mir die Augen geöffnet und mir wurde klar, dass die Inhaltlichkeit von bildender Kunst ganz allgemein immer auch eine formale Inhaltlichkeit sein muss. Nicht die Legende über das Kunstwerk wird zum Inhalt, sondern das Aufeinandertreffen von Farben und Formen in einer ganz persönlichen Art und Weise. Insofern darf ich mich auf die Ästhetik des Werkes einlassen und verlassen. Und diese Ästhetik, die Summe aller sinnlichen Erscheinungsformen, macht das Kunstwerk letztendlich aus. Nicht die Summe der Informationen über das Kunstwerk, sondern die Summe aller Sinnesdaten, die ich als Betrachter vom Kunstwerk erhalte.

„Der Künstler lenkt ein Brennglas auf bestimmte Aspekte der Wirklichkeit…“

foryouandyourcustomers: … die Sie als Künstler gerade bei der Fotografie durch die Wahl der Perspektive, die Sie den Betrachter einnehmen lasse, beeinflussen können? Natürlich ist Kunst immer auch ein Fokussieren auf eine bestimmte Form der Wirklichkeit. In der Ausstellung ist ein Objekt mit dem Titel „Modell der Wirklichkeit“ ausgestellt, ich erhebe dabei tatsächlich den Anspruch, dass es sich um ein Modell der Wirklichkeit handelt. Für dieses Objekt habe ich aus einem sehr abgenutzten alten Baubrett mehrere kleine Bretter herausgeschnitten und stehend zu einem Quader zusammengenagelt. Ich habe an einem Klotz gearbeitet, ohne dass es für den Betrachter vordergründig einen besonderen Sinn ergibt. Aber was so zufällig und einfach aussieht, ist in Wahrheit bis ins Letzte überlegt: Die Schichten des Objekts legen nichts frei, sondern verbergen und sagen etwas aus über Zeigen und Verbergen und damit über die Grenzen der Wahrnehmbarkeit von Wirklichkeit.

„Kunst wird nicht fürs Atelier oder die einsame Stube angefertigt, sondern für eine Auseinandersetzung, die in der Gesellschaft stattfindet.“

Norbert Pümpel, Künstler

Oder das Objekt mit dem Titel „Van Cleef & Arpels – Officials say the Rohingys are being repatriated, but the evidence is thin“. Ein 9×12 Zentimeter kleiner Würfel umhüllt von Zeitungspapier aus meiner Serie „Diaries“. Hier trifft das tagespolitische Geschehen auf die Oberflächlichkeit der Konsumwelt: Hiobsbotschaften und Heile-Welt-Bekundungen in derselben Zeitung am selben Tag! Dazu muss ich keinen Kommentar mehr schreiben. Ich muss die Seiten nur aneinanderkleben, auf der Kehrseite des Würfels.  

Es geht mir auch um das Exemplarische, dass man nicht vollständig die gesamte Wirklichkeit erfassen kann. Es sind immer nur Teilaspekte, um die ich mich als Künstler bemühe. 

foryouandyourcustomers: Wie definieren Sie Wirklichkeit? Mein Blick auf Wirklichkeit kann eben immer nur dieser Teilaspekt sein. Weltaneignung in einem ganzheitlichen Sinn kann sich nicht erfüllen, weil das Universum um vieles mehr ist als die Summe unserer Sinneswahrnehmungen. Und deshalb ist es mir auch möglich, fünf alte Baubretter zusammenzunageln, mit Teer zu beschmieren und zu behaupten, dass dies ein Modell der Wirklichkeit sei, weil auch eine komplexe Auseinandersetzung mit diesem Thema nicht viel mehr zu leisten imstande ist als genau diese fünf Bretter.

foryouandyourcustomers: Wie kamen Sie auf den eher profanen Ausstellungstitel 16 Fotografien, 2 Skulpturen und 1 Skizze? Ich wollte, dass der Titel ganz pragmatisch nur auf die Stückzahl der gezeigten Arbeiten hinweist, weil das letztendlich dasselbe ist, was die Fotografie macht, also ganz nüchtern den Blick nur auf das richten, was da ist. 

Das Model der Wirklichkeit als Objekt und Prints.

foryouandyourcustomers: Warum sollte man sich Ihre Ausstellung nicht entgehen lassen? Ich glaube, dass Kunst immer etwas zu tun hat mit Welterfahrung, mit sichtbar machen, mit einem Perspektivenwechsel, aber auch mit Irrationalität, Irritation und Emotion.

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