Gedachtes. Gehörtes. Gesehenes. Erlebtes – gezeichnet von Michael Schramm

Gedachtes. Gehörtes. Gesehenes. Erlebtes – gezeichnet von Michael Schramm

Raum bieten für zeitgenössische Kunst an unseren Standorten – für Mitarbeiter, Kunden und Gäste –, ist fester Bestandteil der Identität von for​you​and​your​cus​tom​ers. Eine weitere Form des „über den Tellerrand hinausblicken, das dem Unternehmen eigen ist”, wie es Kurator Thomas Weltner bei der Einführung zur Vernissage formulierte. Für die 30. Ausstellung innerhalb der Gruppe gibt foryouandyourcustomers Stuttgart mit Michael Schramm einen Künstler vor Ort eine Plattform, seine Kunst zu präsentieren. 

Was ist zu sehen, zu erleben? Was möchte Michael Schramm dem Betrachter präsentieren, ihm vermitteln? Und was verpasst man, wenn man sich die Ausstellung in der Augustenstraße 44 von Stuttgart entgehen lässt? Fragen, die man einem Künstler gerne stellt und auf die mancher Gast an diesem Abend Antworten suchte, fand – oder unbeantwortet blieben. 

Bild „COIN PIECED AUBERGINES AUDI OLYMPIC GAMES SPONSORED BY NON-BITEN APPLE”.

„Bereichernd, ob einem der Stil nun zusagt oder nicht”, urteilte eine Vernissagebesucherin während ihres ersten Gangs durch die Räumlichkeiten mit Blick auf das bereits verkaufte Bild „COIN PIECED AUBERGINES AUDI OLYMPIC GAMES SPONSORED BY NON-BITEN APPLE”. „Kunst zu betrachten, sich damit auseinanderzusetzen ist für mich grundsätzlich eine Bereicherung und willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag. Welche Wirkung muss sie wohl erst auf die Mitarbeiter haben, die sich ein Jahr lang damit auseinandersetzen dürfen und zwangsläufig auch müssen?”

Was ist in der Ausstellung zu sehen, zu erleben?

28 größtenteils kleinformatige Werke hat Michael Schramm gemeinsam mit Kurator Thomas Weltner in den Räumlichkeiten von foryouandyourcustomers Stuttgart gehängt. Ein Arrangement, das „überrascht, irritiert und von dem Erwarteten abweicht“, wie ein Gast beim Betreten des ersten Raumes konstatierte. 

Die Werke sind „völlig ungewohnt“ angeordnet: Teils als Paare, teils Stoß an Stoß in größeren Gruppen gehängt: im großen, dunklen Holzrahmen, genagelt, unter zu kleinen oder passgenauen Glasscheiben. Nie zentral, einem Fixpunkt gleich, mittig an der Wand platziert, sondern auch um Ecken, am Türrahmen abschließend, fast entweichend, mit dem Wunsch, in den nächsten Raum vorzudringen, ihn zu öffnen, zu erschließen – die räumliche Anordnung auflösend und neu verbindend.Vereinzelt nur hängen Zeichnungen autonom, sich gegen große weiße Wandflächen behauptend. „Ja, die Ausstellung ist fertig (gehängt)“, erwiderte Thomas Weltner den teils unschlüssigen Blicken der Gäste. „Und nein, sie will immer wieder aufs Neue gesehen und verstanden werden. Selbst die Details sind nicht fertig. Die Ausstellung ist „unfertig“ gehängt.“ „Die räumlichen Voraussetzungen und deren Nutzung sowie auch die Laufzeit sind nicht vergleichbar mit herkömmlichen Ausstellungen. Wir befinden uns in einem Büro, keiner Galerie, keiner Kunstinstitution“, sagte Michael Schramm. „Meine Kunst konkurriert nicht mit dem Inventar in den einzelnen Räumen. Die Zeichnungen sollen sich den Raum auch nicht aneignen. Nicht als bloßer Wandschmuck, aber auch nicht Hand in Hand. Es soll ein Zusammensein-müssen im gleichen Raum entstehen: nicht abstoßend, aber auch nicht unbedingt so gewünscht oder selber ausgesucht. Die Zeichnungen sind wie auf der Bühne, agieren mit den anderen aber auch mit den Möbelstücken, den Räumen und den Menschen darin.“

Was möchte Michael Schramm dem Betrachter präsentieren, ihm vermitteln?

Wie stand es in der Einladung zur Vernissage geschrieben? „Linien, Schraffuren, Richtungen deuten sich an, Räume öffnen sich. Ein Lebensraum voller Formen und Zeichen breitet sich vor uns aus.  „Die Linien meiner Zeichnungen gehen nicht spazieren. Sie laufen hin und her und auf und ab. Als schwämmen sie. Auch in Kurven”, beschreibt der Künstler selbst seine Arbeitsweise. Was zunächst anmutet wie kindliche Kritzeleien, entwickelt sich bei näherer Betrachtung zu einem eigenen Universum aus Kurzgeschichten, Episoden und grafischer Poesie. „Die Zeichnungen repräsentieren nichts, was durch den Betrachter direkt auflösbar ist. Sie sind abstrakt. Aber trotzdem versuchen sie für etwas einzustehen, was man vielleicht nicht rückführbar erkennen kann. Aber man könnte meinen, dass es irgendwo herkommt und dass man es auch kennt.

Und was verpasst man, wenn man sich die Ausstellung entgehen lässt?

„Der Weg, den man hier bei foryouandyourcustomers im Kunstbereich geht, ist ein sehr spannender Weg, den ich sehr gerne mitverfolge. Ich war bereits bei der ersten Vernissage von Martin Huidobro anwesend. Die Kunst der beiden ist überhaupt nicht zu vergleichen. In einem der Büroräume hing damals ein riesiges Bild. Ein gelber Hubschrauber auf himmelblauem Grund. Ohne Frage, ein tolles Bild. Doch wenn man es einmal gesehen hatte, dann war es abgespeichert“, sagte ein Gast und ein weiterer führt fort: Bei Michael Schramm ist es anders, weniger konstruiert, weniger klar, weniger geradlinig – von der Machart und dem Ausdruck. Ich sehe Chaos, bloße Linien, wie auf einem Notenblatt, Quadrate, Schläuche, viele andere Formen. Die Linien schwingen, die Formen tanzen, drücken je nach Blickwinkel etwas Anderes, wieder Neues aus. Ich kann keine der Zeichnungen beim ersten Mal fassen und habe große Lust, sie wieder und wieder zu betrachten.“

Andreas Drexhage von foryouandyourcustomers im Gespräch mit Kurator Thomas Weltner.

Werfen auch Sie – unter telefonischer Voranmeldung – bis April 2020 einen Blick auf Michael Schramms Welt der Linien, Andeutungen – und Fragen. Bis April kommenden Jahres haben Sie die Möglichkeit, sich selbst einen Eindruck von seinen Werken zu verschaffen und zu erleben, wie sich seine Zeichnungen in die Räume und den Büroalltag der Mitarbeiter integrieren, ohne sich unterzuordnen.

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